Die Griots auf der Leinwand

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Radiolounge am Di, 14. Oktober 2008, 21 Uhr

"Die Griots auf der Leinwand"

Zum Verhältnis von mündlicher Überlieferung, Literatur und Film in Afrika

Von Karl Rössel

Dieses Feature untersucht das komplexe Verhältnis von mündlicher Überlieferung, Literatur und Film in Afrika anhand ausgewählter Beispiele, die zugleich Einblicke in die Geschichte, die aktuelle gesellschaftliche Realität, die Erzähltradition und das Filmschaffen des Kontinents bieten.

Afrika-Filmfestival Köln - Jenseits von Afrika - Plakat 2008, der afrikanische Kontinent als Collage auf rotem HintergrundSchon der Name des Filmemachers Dany Kouyaté aus Burkina Faso verweist darauf, dass seine Vorfahren zu den traditionellen Bewahrern von Geschichte und Geschichten gehörten, die in Westafrika „Griots“ genannt werden. Über Jahrhunderte war es die Aufgabe der Kouyatés und anderer Familien, historische Begebenheiten, Mythen und Legenden nachwachsenden Generationen zu vermitteln. Die "Griots" bewahrten auch die Erfahrungen der Afrikaner mit den Kolonialherren aus Europa vor dem Vergessen. Als Regisseur führt Dany Kouyaté diese Tradition fort, indem er Spielfilme dreht, die auf mündlichen Überlieferungen beruhen, und in denen „Griots“ tragende Rollen spielen.

Auch die Literatur und das Theater des Kontinents liefern den afrikanischen Filmemachern Vorlagen für ihre Drehbücher. In vielen der afrikanischen Filme wird Europa ein kritischer Spiegel vorgehalten. Auch gibt es Romane von afrikanischen Autoren, in denen der Einfluss der westlichen Kinokultur auf ihre Gesellschaften ironisch beschrieben ist.

Diese Sendung untersucht das komplexe Verhältnis von mündlicher Überlieferung, Literatur und Film in Afrika anhand ausgewählter Beispiele, die zugleich Einblicke in die Geschichte, die aktuelle gesellschaftliche Realität, die Erzähltradition und das Filmschaffen des Kontinents bieten.

Wir bringen das Feature zu Gehör in Kooperation mit dem 10. Afrikanischen Filmfestival in Köln


Cineastische Erkundung eines Kontinents

Das 10. afrikanische Filmfestival in Köln (7. bis 26. Oktober 2008)

Beim 20. panafrikanischen Filmfestival von Ouagadougou (FESPACO) im Jahre 2007 präsentierten 500 Filmschaffende afrikanischer Herkunft ihre neuesten Produktionen. Dabei reichte die Bandbreite von Erzählungen in der Tradition afrikanischer Griots über epische Dramen um Krieg, Schuld und Sühne, Parodien auf autokratische Herrscher und korrupte religiöse Würdenträger bis zu einem Science-Fiction über ein apokalyptisches Kamerun im Jahre 2025.

Aber so faszinierend die inhaltliche und stilistische Vielfalt afrikanischer Filme auch ist, so sind sie doch nur in Ausnahmefällen in unseren Kinos oder im Spätprogramm des Fernsehens zu sehen. Wer sich über Entwicklung und Stand der afrikanischen Kinematographie informieren will, ist deshalb auf Festivals angewiesen.

Das umfangreiche Jubiläumsprogramm des Kölner Afrika-Filmfestivals Jenseits von Europa X bietet dazu die Gelegenheit.


 

Afrika-Filmfestival Köln - Jenseits von Afrika - Plakat 2008, der afrikanische Kontinent als Collage auf rotem Hintergrund44 Filme aus 16 Ländern Afrikas – 15 RegisseurInnen zu Gast

Vom 7. bis zum 26. Oktober präsentiert FilmInitiativ Köln 44 Spielfilme, Dokumentationen und Kurzfilme aus 16 Ländern Afrikas. 15 RegisseurInnen, darunter Gäste aus Algerien, Tunesien, Ägypten, Äthiopien, DR Kongo, Nigeria, Guinea, Uganda und dem Sudan, sind eingeladen, um über ihre Produktionen mit dem Publikum zu diskutieren.


Retrospektive von Festival-Highlights

In einer Retrospektive sind Highlights der bisherigen neun Kölner Festivals (wieder) zu entdecken, darunter Klassiker des afrikanischen Kinos wie die Dorftragödie Yaaba aus Burkina Faso und Mossane von Safi Faye, der erste Spielfilm einer Regisseurin aus dem Senegal, die furiose Komödie Room to rent um einen ägyptischen Migranten in London und der Thriller Hijack Stories aus dem südafrikanischen Township Soweto.


African Short Cuts

Drei Kurzfilmschienen bieten so unterschiedliche Genres wie die Verfilmung eines äthiopischen Volksmärchens und die Western-ähnlich inszenierten Abenteuer eines mythischen Schwertkämpfers aus den Bergen Südafrikas.


Dokumentationen: Vom Kindersoldaten zum Rap-Musiker

Die Dokumentarfilme des Jubiläumsprogramms erinnern u.a. an den Einsatz Che Guevaras in Afrika, berichten von vergessenen Flüchtlingslagern im Tschad, portraitieren einen Strandgut-Künstler aus Tunesien und beschreiben die Suche einer sudanesischen Filmemacherin nach Erklärungen für den Bürgerkrieg in ihrem Land. Der Eröffnungsfilm War Child folgt dem dramatischen Lebensweg Emmanuel Jals vom Kindersoldaten im Sudan zum international bekannten Rapper.

(Emmanuel Jal wird nicht nur zu der Filmvorführung nach Köln kommen, sondern im Rahmen des Festivals auch ein Konzert mit seiner Band im Kölner Stadtgarten geben.)


FESPACO-Preisträger in Köln

Die Spielfilme aus jüngerer Zeit belegen, wie engagiert sich FilmemacherInnen aus Afrika mit gesellschaftlichen Missständen auseinandersetzen. Themen wie Krieg und Repression, autokratische Herrschaft und Korruption werden nicht plakativ präsentiert, wie in den hiesigen Medien üblich, sondern differenziert und aus der Perspektive der Betroffenen.

So erzählt zum Beispiel der beim FESPACO 2007 mit dem Hauptpreis ausgezeichnete Film Ezra von Newton Aduaka aus Nigeria von einem Kindersoldaten aus Sierra Leone, der sich vor einer Versöhnungskommission rechtfertigen muss, weil er an einem Massaker in seinem Heimatdorf teilgenommen hat. Dabei verschiebt sich im Laufe der Verhandlung die Perspektive auf das anfangs scheinbar geklärte Kriegsgeschehen und damit auch die Haltung des Kinopublikums.


Panascreen Award für Newton Aduaka

Für sein herausragendes Gesamtwerk, zu dem u.a. das Hiphop-Drama Rage aus einem Migrantenviertel in London sowie preisgekrönte Kurzfilme wie Aïcha

gehören, erhält Newton Aduaka in Köln den mit 1000 Euro dotierten Panascreen-Award. Dieser neu konzipierte Preis soll auf Initiative westafrikanischer Filminstitutionen einmal im Jahr von den OrganisatorInnen wechselnder Afrika-Filmfestivals verliehen werden. FilmInitiativ Köln macht beim Festival Jenseits von Europa X 2008 den Anfang, Preisverleihungen bei Festivals in Senegal, Botswana und Äthiopien sollen in den nächsten Jahren folgen.


Aktuelles politisches Kino aus Afrika

Die neuen Spielfilme afrikanischer RegisseurInnen, die beim letzten FESPACO und anderen internationalen Festivals ausgezeichnet wurden und in Köln zu sehen sind, illustrieren, wie engagiert und politisch das aktuelle afrikanische Kino ist.

So thematisiert z.B. der im Kongo aufgewachsene Regisseur Raoul Peck in Sometimes in April den Genozid in Ruanda und die Mitverantwortung der internationalen Staatengemeinschaft daran. (Bisher fand dieser herausragende Film keinen deutschen Verleiher, obwohl er im Wettbewerb der Berlinale lief).

Der Film La chambre noire setzt politischen Oppositionellen aus Marokko, die unter König Hassan II. in geheimen Folterkellern landeten, ein cineastisches Denkmal.

Und der tunesische Regisseur Nouri Bouzid wird in Köln gleich zwei sozialkritische Spielfilme vorstellen: Puppen aus Ton über die Ausbeutung junger Mädchen vom Lande als Haushaltshilfen in der Metropole Tunis und Making Of über einen Breakdancer, den die rigiden gesellschaftlichen Verhältnisse und seine Perspektivlosigkeit in die Fänge islamistischer Terroristen treiben.

Das Vordringen radikal-islamischer Gruppen in Afrika thematisieren auch Spielfilme aus Algerien (Barakat) und Guinea (Il va pleuvoir sur Conakry), der eine auf dramatische, der andere auf parodistische Weise.

Schließlich erinnern mehrere afrikanische RegisseurInnen an Kapitel der (Kolonial-) Geschichte, die in Europa weitgehend ignoriert und verdrängt werden. So geht zum Beispiel in Juju Factory (in Köln vorgestellt von Balufu Bakupa-Kanyinda aus der Demokratischen Republik Kongo und eingeleitet durch einen Vortrag der antikolonialen Filmgruppe Remember Resistance aus Berlin) ein afrikanischer Schriftsteller in Brüssel Spuren der belgischen Kolonialgeschichte nach und der Algerier Rachid Bouchareb erinnert in Indigènes (Days of glory) an die millionenfachen Einsätze afrikanischer Kolonialsoldaten im Zweiten Weltkrieg.

Ob es in Spielfilmen um die Diskriminierung von Frauen, die Lage von Straßenkindern oder die Probleme afrikanischer MigrantInnen in Europa geht und ob die Themen in Form von Tragödien oder Komödien präsentiert werden, so plädieren die RegisseurInnen mit ihren cineastischen Mitteln doch stets für die Veränderung der Verhältnisse, die zu den von ihnen kritisierten Zuständen geführt haben.

 


 

Special Events

Über die Filme und Diskussionen mit RegisseurInnen hinaus, bietet das Programm des 10. Kölner Afrika-Filmfestivals, das zugleich das zwanzigjährige Bestehen von FilmInitiativ Köln markiert, aus Anlass der Jubiläen zahlreiche Special Events.

Dazu gehören eine Preview (im Programm des Kölner Allerweltskinos) und eine Radiolounge (in der Filmpalette) mit einem Feature über das Verhältnis von mündlicher Überlieferung, Literatur und Kino in Afrika. An drei Vormittagen gibt es Schulvorstellungen und an einem Nachmittag eine Filmvorführung in der Kölner Justizvollzugsanstalt.

In einer Sonderveranstaltung (im Domforum) wird das Multimedia-Projekt Displaced über Flüchtlinge an den Grenzen Europas vorgestellt, in einer anderen die nigerianische Video-Industrie (Nollywood), die inzwischen mehr Filme produziert als Hollywood oder Bollywood.

Zur Eröffnung gibt es eine Hommage an den im letzten Jahr verstorbenen senegalesischen Regisseur Ousmane Sembène sowie traditionelle Musik aus Guinea. Ein Tribute-Konzert für Fela Kuti erinnert an die nigerianische Musiklegende und eine Sängerin aus Sierra Leone, die inzwischen in Köln lebt, steuert den musikalischen Festivalausklang bei.

Afrikanische Spezialitäten, Getränke, Musik und Bücherstände im Foyer des Festivalkinos (Filmforum NRW im Museum Ludwig) schaffen den passenden Rahmen für die umfassendste Präsentation des afrikanischen Kinos, die es bislang in Köln gegeben hat.


Detaillierte Programminfos ab September unter:

www.filminitiativ.de („Aktuelles“)


P.S. Die Veranstalter von FilmInitiativ Köln weisen darauf hin, dass das zehnte und größte Kölner Afrika-Filmfestival auch das letzte seiner Art werden könnte, wenn sich nicht endlich eine gesicherte Finanzierung (durch Stadt, Land, Bund und/oder private Sponsoren) finden lässt, die eine kontinuierliche Entlohnung von Honorarkräften für die aufwändige Organisationsarbeit erlaubt.